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Was ist Recruiting 4.0? Artificial Intelligence, Big Data und Robotics


Lesedauer: 7 Minuten

Was genau uns mit Recruiting 4.0 erwartet, kann heute noch niemand ganz genau sagen. Der Begriff geistert schon länger durch die HR-Szene, aber es fehlt eine einheitliche Definition.

Im Grunde ist Recruiting 4.0 ein Sammelbegriff für Methoden, Tools und Technologien, die das Recruiting in den nächsten Jahren nachhaltig prägen und verändern können. Dem Sinnbild der Industrie 4.0 folgend, kommen die technologischen Grundlagen aus den Bereichen Artificial Intelligence, Big Data und Robotics. Intelligente Algorithmen erobern und transformieren das Recruiting, so die Idee.

Warum wir Recruiting 4.0 unterschätzen

Wie sinnvoll ist es eigentlich über Recruiting 4.0 – die Zukunft des Recruiting – zu sinnieren, wenn die meisten Recruiter im sinnbildlichen Unternehmen 1.0 festsitzen? Ist die Recruiting-Welt überhaupt bereit für die nächste Evolutionsstufe?

Zwischen den technologischen Möglichkeiten und der produktiven Anwendung liegt in vielen Unternehmen ein Meer und an seinem Grund oft die gescheiterte Investitions- und Veränderungsbereitschaft. Viele Unternehmen wirken heillos überfordert und hinken hinterher. Das gilt für den HR-Bereich genau wie für das Marketing, den Vertrieb, den Einkauf oder die Produktentwicklung.

Der technologische Fortschritt nimmt keine Rücksicht auf die eigene Situation. Er entwickelt sich exponentiell und viel rasanter, als wir ihn verstehen und in konkrete Handlungen übersetzen können. Unser menschliche Verstand projiziert die Vergangenheit in die Zukunft und geht fälschlicherweise von linearen Veränderungen aus. Damit laufen wir Gefahr, die Wucht von technologischen Veränderungen und Möglichkeiten zu unterschätzen.

Grund genug also, sich unabhängig vom Status Quo im eigenen Mikrokosmos intensiv mit Recruiting 4.0 auseinanderzusetzen. Wer die Pionierarbeit den "First Movern" überlässt, sollte mindestens informiert und vorbereitet sein.

Von Recruiting 1.0 zu Recruiting 3.0

Der Zusatz "4.0" legt nahe, dass man für ein besseres Begriffsverständnis zunächst einen kurzen Rückblick auf die Versionen 1 bis 3 wagen sollte. Im Schnelldurchlauf:

  • Recruiting 1.0: Analoge Print-Welt
  • Wir schreiben das Jahr 1991. Stellenanzeigen werden in Zeitungen, Zeitschriften und am schwarzen Brett veröffentlicht. Der Personalreferent wartet auf eingehende Bewerbungsmappen und kommuniziert mit dem Bewerber auf dem Postweg.
  • Recruiting 2.0: Online-Jobbörsen und E-Recruiting
  • In den 2000er Jahren verlagern sich die Stellenausschreibungen zunehmend auf Online-Jobbörsen, die zum dominanten Kanal werden. Die Bewerberkommunikation erfolgt digital per E-Mail. Immer mehr Unternehmen setzen auf E-Recruitingsysteme für ein effizientes Bewerbermanagement.
  • Recruiting 3.0: Employer Branding und Social Recruiting
  • Fachkräftemangel, Digitalisierung, Social Media (Web 2.0) und Wertewandel in der Arbeitswelt führen Ende der 2000er zu einem einsetzenden Paradigmenwechsel. Der Arbeitsmarkt wird zu einem Bewerbermarkt. Der Recruiter ist nicht mehr Türsteher, der Bewerber nicht mehr Bittsteller. Die beiden Parteien beginnen, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Unternehmen investieren in Employer Branding und bauen ihre Personalmarketingmaßnahmen aus. Passive Kandidaten werden mittels Active Sourcing über XING, LinkedIn oder Spezialplattformen direkt angesprochen. Im Rahmen des Candidate Relationship Managements steht das Unternehmen im Dialog mit dem eigens aufgebauten Talente Pool. Die Kommunikation mit vielversprechenden Kandidaten ist nicht mehr zeitpunkt- sondern zeitraumbezogen.

Recruiting 4.0: Eine Einführung

Data Driven Recruiting und Robot Recuiting

Artificial Intelligence, Machine Learning und Deep Learning ebnen den Weg für das Data Driven Recruiting und Robot Recruiting. Was sich nach ferner Zukunftsmusik anhört, läutet möglicherweise höchstwahrscheinlich eine tiefgreifende Transformation im Recruiting ein.

Im Data Driven Recruiting liefern Matching- und Selektionstechnologien die Antwort, wer zu welchem Job und Arbeitgeber passt. Durch die Auswertung von sehr großen Datenmengen (Big Data) werden entsprechende Wahrscheinlichkeiten ermittelt. Die künstliche Intelligenz berücksichtigt harte und weiche Kriterien wie Sozialkompetenz und Teamfähigkeit, auch Gestik und Mimik werden analysiert. Recruiter erhalten über automatisierte Auswertungen von Bewerbungen eine objektive Grundlage für die Personalauswahl.

Das Robot Recruiting schlägt in die gleiche Kerbe und geht noch einen Schritt weiter. Ganze Arbeitsbereiche oder einzelne Prozessschritte werden durch intelligente Algorithmen und neuronale Netze ersetzt, die selbstständig Entscheidungen treffen und umsetzen. Das Aufkommen von Chatbots, die die Bewerberkommunikation übernehmen und dem Kandidaten rund um die Uhr zur Verfügung stehen, sind hier ein konkretes Beispiel.

Wer 30 Minuten hat, kann sich im folgenden Video das Einmaleins des Machine Learnings aneignen. Spoiler: Maschinen können heute Probleme lösen, die man ihnen vor einigen Jahren niemals zugetraut hätte. In einem weiteren Video werden die Grundlagen von Deep Learning und Neuronalen Netzen erklärt.

 

Roboter nehmen uns die Jobs weg? 

Im Recruiting 4.0 geht es, genau wie bei der Industrie 4.0., also um die Frage: Mensch oder Maschine? Wer trifft die besseren Entscheidungen? Die Wissenschaft kommt zu dem Schluss, dass der Algorithmus dem Expertenurteil oft überlegen ist. Die Arbeitsverteilung zwischen Mensch und Maschine muss folglich neu gedacht werden.

In einer Experten-Umfrage der Jobbörse Jobstairs halten 87% es für unrealistisch, dass Recruiter durch smarte Algorithmen oder Roboter ersetzt werden. Robotern wird eher die Rolle des Assistenten (70% Zustimmung) oder Kollegen (83% Zustimmung) zugeschrieben.

Eine These ist, dass die menschliche Komponente durch Maschinen eher bestärkt wird. Zeitfressende repetitive Tätigkeiten werden an einen Algorithmus ausgelagert. Was bleibt, ist mehr Zeit für die zwischenmenschliche Kommunikation von Mensch zu Mensch. Die Antwort auf High Tech ist High Touch.

Wann Recruiting 4.0 in die Unternehmen einzieht

In der Vergangenheit wurden Versprechungen von wundersamen Automatisierungen in der Praxis oft enttäuscht. Bei wie vielen Job Matching-Anbietern haben Sie sich schon angemeldet und über die unzureichende Qualität der Jobvorschläge gewundert? Wie lange das noch so bleiben wird, bleibt unbeantwortet.

Einem flächendeckenden Einsatz des Data Driven und Robot Recruiting stehen noch mehrere, nicht nur technische Hürden im Weg. Allen voran ist die Qualität und Quantität der Datenbasis zu nennen, die oft nicht ausreichend gegeben ist. Auch die sozialpsychologische Komplexität von Personalentscheidungen, (datenschutz-)rechtliche und kulturelle Bedenken sowie fehlende Veränderungsbereitschaft dürfen nicht unterschätzt werden.

Das Potenzial der Technologien ist so weit reichend, dass fast alle etablierten Anbieter und zahlreiche Startups an neuen Produkten arbeiten. Einige werden sicherlich in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Andere können das Recruiting tiefgreifend und nachhaltig verändern, auch wenn sie bis zum wirklich produktiven Einsatz noch etwas Zeit benötigen.

Candidate Experience, Mobile, Virtual Reality

Solange die datengetriebenen Technologien den Weg zu ihrer Produktreife finden, werden sich bestehende Entwicklungen intensivieren.

Im Bewerbermarkt müssen Recruiter ihren Blick konsequenter auf die Bedürfnisse und Erwartungen der Kandidaten richten. Die Candidate Experience wird eine immer wichtigere Rolle spielen, genau wie Active Souring und Candidate Relationship Management.

Auch der Trend zu Mobile wird unaufhaltsam weitergehen. Schon heute ist die Mehrheit der Jobsucher mobil unterwegs. Arbeitgeber setzen für eine optimale Candidate Experience zunehmend auf einen Mobile First-Kurs mit der Möglichkeit zur einfachen One-Click Bewerbung mit dem Xing- oder LinkedIn-Profil.

Virtual Reality und Augmented Reality können die Arbeitgeberkommunikation erweitern. Der Kandidat kann seinen zukünftigen Arbeitsplatz und Arbeitgeber virtuell und interaktiv erkunden. Mit einer Virtual-Reality-Brille wird er in eine entsprechende Umgebung versetzt.

Die Zukunft des Recruiting bleibt spannend.

 

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